Inmitten der Tafelebene des Ebro-Beckens, in der Ortschaft Fontellas in der Region Tudela (Navarra), liegt einer der interessantesten Olivenölbetriebe Spaniens: Aceite Artajo. Das Familienunternehmen zeigt eindrücklich, dass Weltklasse-Olivenöl nicht nur aus den grossen Anbaugebieten Andalusiens stammen muss.
Eine Geschichte mit langen Wurzeln
Der Name Artajo ist in Tudela seit 1780 mit Öl verbunden. Im 19. Jahrhundert stellte die Familie ihr Öl im Zentrum von Tudela her, rund um einen historischen Trujal, eine traditionelle Ölmühle. In den 1960er-Jahren kam der Bruch: Ein schwerer Frost vernichtete den Grossteil der Bäume der Familie und der Gegend, und gleichzeitig verdrängten billige Pflanzenöle das Olivenöl aus den Küchen. Die Produktion schrumpfte auf ein Minimum.
1998 nahmen die Familien Artajo und Urzaiz den Faden wieder auf und pflanzten in Fontellas die ersten 85'000 Arbequina-Bäume auf der Finca Los Llanos. Heute stehen dort nach Angaben des Betriebs und der Fachpresse mehr als 250'000 Olivenbäume auf rund 250 Hektar – mit der eigenen Mühle mitten im Hain, sodass die Oliven den Betrieb zwischen Baum und Tank nie verlassen.
Anbau am nördlichen Rand der Olivenwelt
Navarra liegt am nördlichsten Rand der europäischen Olivenölproduktion. Die geschützte Ursprungsbezeichnung «Aceite de Navarra» gilt als das nördlichste Olivenöl Europas überhaupt; ihr Gebiet umfasst 135 Gemeinden im Süden Navarras, Fontellas eingeschlossen. Nördliche Lage heisst kühlere Nächte und eine langsamere Olivenreife – ein Umstand, der besonders aromaintensive, ausgeglichene Öle begünstigen kann.
Artajo bewirtschaftet den Hain biologisch und baut ein für diese Betriebsgrösse aussergewöhnlich breites Sortenspektrum an: Arbequina als Basis, dazu Arbosana, Koroneiki, die navarresische Arróniz und Manzanilla Cacereña.
Was in der Flasche steckt: Artajo 10 und Artajo 8
Für die Kaufentscheidung ist die Linie wichtiger als die Marke. Artajo führt zwei Reihen, und der Unterschied zwischen ihnen ist der Erntezeitpunkt, nicht die Verpackung:
- Artajo 10 kommt aus der grünen Frühernte. Für einen Liter braucht der Betrieb nach eigenen Angaben rund 10 Kilo Oliven. Die Reihe ist als Sortenschau angelegt und umfasst sechs Varianten: Arbequina, Arbosana, Manzanilla Cacereña, Arróniz, Koroneiki und ein Coupage. Der Stil ist frisch, grasig und intensiv grün-fruchtig.
- Artajo 8 entsteht aus Oliven im Envero, also auf halbem Weg zur Reife, gemahlen in der ersten Novemberwoche; hier reichen rund 8 Kilo Oliven für einen Liter. Vier Varianten: Arbequina, Manzanilla, Koroneiki und ein Coupage. Der Stil ist fruchtig, leicht grün und milder.
Dahinter steckt die Grundregel jeder Frühernte: Je grüner die Olive, desto weniger Öl gibt sie pro Kilo – und desto mehr Aroma, Bitterkeit und Schärfe landet im Glas. Die zehn Kilo pro Liter sind also kein Qualitätssiegel, sondern die Rechnung, die eine frühe Ernte aufmacht.
Zur Verarbeitung nennen der Produzent und die Fachhändler, die die Öle listen, eine Gewinnung bei 18 bis 20 °C mit Doppelhammermühle, Malaxeur und gekühlten Zentrifugen. Technisch ist das eine Zentrifugierung und keine Pressung: Rechtlich korrekt heisst ein so gewonnenes Öl deshalb «Kaltextraktion» und nicht «erste Kaltpressung» – ein Unterschied, der im Schweizer Regal regelmässig falsch beworben wird. Ein Teil des Sortiments kommt zudem unfiltriert und damit trüb in die Flasche.
Warum auf den besten Flaschen kein DOP-Siegel steht
Fontellas liegt im Gebiet der DOP «Aceite de Navarra» – auf den international ausgezeichneten Ölen des Betriebs steht das Siegel trotzdem nicht, und das hat einen nachvollziehbaren Grund. Das Pflichtenheft der DOP lässt nur drei Sorten zu: Arróniz als autochthone Sorte, Empeltre und Arbequina, wobei Mischungen mehr als 10 Prozent Arróniz enthalten müssen. Koroneiki und Arbosana – zwei der vier Artajo-Öle, die es unter die zehn besten der Welt schafften – sind darin gar nicht vorgesehen. Dazu verlangt die DOP Handlese und hält harte Grenzwerte fest: höchstens 0,3 Grad Säure, Peroxidzahl maximal 15, eine Fruchtigkeit über 4,5 und keine sensorischen Fehler.
Für die Praxis heisst das: Bei einem Öl dieser Art sagen Sortenangabe und Erntejahr mehr aus als ein Herkunftssiegel. Das Siegel schliesst hier nicht schlechte Qualität aus, sondern bestimmte Sorten. Welche Sorten andere kleine Herkunftsgebiete vorschreiben, zeigt Spaniens kleine Olivenöl-DOP.
Internationale Auszeichnungen
Der Einsatz zahlt sich aus. Das Ranking World's Best Olive Oils (WBOO) wird aus den Ergebnissen der acht strengsten internationalen Wettbewerbe berechnet und gilt in der Branche als einer der massgeblichen Qualitätsmassstäbe. In der Ausgabe 2022/2023 lag Artajo auf Platz zwei der Bio-Mühlen weltweit und war damit die beste Bio-Mühle Spaniens. Eine Ausgabe später, im Ranking 2023/2024, stand der Betrieb an der Spitze: beste Bio-Almazara der Welt und zusätzlich Platz zwei in der allgemeinen Kategorie.
Gleich vier biologische Öle des Betriebs – Artajo 8 Bio Arbequina, Artajo 10 Bio Koroneiki, Artajo 10 Bio Arbequina und Artajo 10 Bio Arbosana – schafften es in derselben Ausgabe unter die zehn besten Olivenöle der Welt. Ein bemerkenswerter Erfolg für einen Familienbetrieb mit rund zwanzig Angestellten, in einer Branche, die traditionell von Südspanien und Italien dominiert wird.
Lässt sich Artajo in der Schweiz kaufen?
Im Schweizer Detailhandel nicht. Bei Migros, Coop, Aldi Suisse, Lidl, Denner und Manor haben wir die Marke im September 2026 nicht gefunden. Wer sie probieren will, bestellt beim Produzenten selbst oder bei spanischen und deutschen Spezialversendern, die einzelne Flaschen, Kanister und Sortensets führen; ein Anbieter nennt Gratisversand in die Schweiz ab 200 Euro. Bei der Einfuhr kommen Zoll und Mehrwertsteuer dazu – wie das abläuft und ab welcher Menge es sich rechnet, haben wir am Beispiel der Direktbestellung aus Kastilien und León durchgerechnet.
Ein direkter Preisvergleich ist deshalb nicht möglich. Als Orientierung, was Bio-Olivenöl im Schweizer Regal kostet, dienen die Literpreise aus unserer Erhebung: Migros Bio aus Griechenland CHF 22.80 pro Liter, Manor Bio aus Italien CHF 21.50 pro Liter, Aldi BIO als EU-Mischung CHF 13.27 pro Liter. Die Migros- und Aldi-Preise haben wir am 16. September 2026 erhoben, den Manor-Preis am 2. September 2025; alle aktuellen Werte stehen in der Preisübersicht.
Oleoturismus in Navarra
Wer den Betrieb besuchen möchte, kann dies im Rahmen einer geführten Tour mit Verkostung tun: Auf der Finca Los Llanos erhalten Besuchende Einblick in Anbau, Ernte und Pressung und können die verschiedenen Sortenöle direkt vor Ort vergleichen – ein Beispiel für den wachsenden Oleoturismo in Spanien, und die einfachste Gelegenheit, sechs Monovarietals desselben Hains nebeneinander zu probieren.
Warum Artajo als Beispiel taugt
- Zeigt, dass auch nördlichere, kleinere Anbaugebiete wie Navarra Weltklasse-Öle hervorbringen können
- Familienbetrieb mit eigener Ernte, Verarbeitung und Abfüllung an einem Ort
- Biologischer Anbau mit internationaler Spitzenauszeichnung als beste Bio-Almazara der Welt (WBOO 2023/2024)
- Ein Sortiment, das die Frühernte offenlegt, statt sie in Werbebegriffe zu verpacken: 10 Kilo Oliven pro Liter sind eine nachprüfbare Angabe, «erste Kaltpressung» wäre keine
- Ein Lehrstück dazu, dass ein fehlendes DOP-Siegel nichts über die Qualität sagen muss
Artajo steht damit exemplarisch für eine Entwicklung, die weit über Navarra hinausreicht: Kleine, qualitätsorientierte spanische Erzeuger mit eigener Ernte und Verarbeitung gewinnen zunehmend internationale Anerkennung – und zeigen, dass spanisches Olivenöl längst nicht mehr nur für Menge, sondern auch für Spitzenqualität steht.
Ein zweites Beispiel für diese Entwicklung steht in Katalonien: der Familienbetrieb PONS aus L'Albagés in den Garrigues, dessen Janiroc-Öle aus Frühernte im Dezember 2025 beim nationalen Wettbewerb der katalanischen Regierung die Plätze zwei bis vier bei den grossen Produzenten belegten.
Ein kleiner Familienbetrieb am nördlichen Rand der Olivenwelt, der es mit den Grossen der Branche aufnimmt.
Häufige Fragen
Welche Olivensorten baut Artajo an?
Biologisch angebaut werden unter anderem Arbequina, Arbosana, Koroneiki, die navarresische Arróniz und Manzanilla Cacereña. Die international ausgezeichneten Öle sind Sortenöle aus Arbequina, Koroneiki und Arbosana.
Was unterscheidet Artajo 10 von Artajo 8?
Den Erntezeitpunkt. Artajo 10 stammt aus grüner Frühernte und braucht nach Angaben des Betriebs rund 10 Kilo Oliven pro Liter; Artajo 8 wird aus halb gereiften Oliven in der ersten Novemberwoche gemahlen und kommt mit rund 8 Kilo pro Liter aus. Artajo 10 ist damit der intensivere, grünere Stil, Artajo 8 der mildere.
Trägt Artajo das Siegel der DOP «Aceite de Navarra»?
Fontellas liegt im DOP-Gebiet, die preisgekrönten Öle tragen das Siegel aber nicht. Die DOP lässt nur Arróniz, Empeltre und Arbequina zu – Koroneiki und Arbosana, zwei der ausgezeichneten Sortenöle, sind darin nicht vorgesehen.
Wo kann man Artajo in der Schweiz kaufen?
Nach unserer Recherche im September 2026 bei keiner Schweizer Detailhandelskette. Möglich sind Bestellungen beim Produzenten oder bei spanischen und deutschen Spezialversendern; bei der Einfuhr fallen Zoll und Mehrwertsteuer an.
Quellen
- Olive Oil Times: Navarra's Aceite Artajo Marries Cutting-Edge Tech with Centuries of Olive Oil Heritage
- Navarra Capital: La empresa navarra Aceite Artajo, reconocida como la Mejor Almazara Ecológica del Mundo
- Invest in Navarra: Aceites Artajo, second best organic olive oil mill in the world (Ranking 2022/2023)
- World's Best Olive Oils 2023/2024 – Ranking
- Aceite Artajo: Katalog der Sortenöle Artajo 8 und Artajo 10 (Angaben des Produzenten)
- INTIA: Pliego de condiciones der DOP «Aceite de Navarra» (konsolidierte Fassung)
- Reyno Gourmet (Regierung von Navarra): Aceite de Navarra – Sorten, Gebiet und Grenzwerte
- Guía Repsol: Aceite virgen extra navarro «Artajo» (Fontellas)


