Dass Olivenöl «gut für das Herz» sei, steht auf Flaschen, in Zeitungen und in Arztpraxen. Dieser Artikel prüft nur diese eine Frage – Herz und Gefässe – und lässt alles andere beiseite: die Nährwerte und zugelassenen Gesundheitsangaben, die Chemie der Polyphenole, die Praxis des täglichen Konsums und den Ländervergleich zur Lebenserwartung behandeln wir an anderer Stelle.
Herz-Kreislauf ist der einzige Bereich, in dem es zu Olivenöl ein grosses randomisiertes Experiment mit harten Endpunkten gibt – Herzinfarkt, Schlaganfall, Tod. Das macht die Belege hier stärker als bei jeder anderen Gesundheitsfrage zu Olivenöl. Es macht sie nicht beweiskräftig. Der Unterschied ist der eigentliche Inhalt dieses Artikels.
PREDIMED: das eine Experiment mit harten Endpunkten
PREDIMED war eine spanische Multicenter-Studie zur Primärprävention. Eingeschlossen wurden 7447 Personen zwischen 55 und 80 Jahren (57 Prozent Frauen) mit hohem kardiovaskulärem Risiko, aber ohne bestehende Herz-Kreislauf-Erkrankung bei Studienbeginn. Sie wurden einer von drei Ernährungsformen zugeteilt:
- Mittelmeerdiät mit nativem Olivenöl extra (2543 Personen). Diese Gruppe erhielt das Öl gratis – 15 Liter alle drei Monate, also rund ein Liter pro Woche und Haushalt – mit der Empfehlung, mindestens 4 Esslöffel (rund 50 Gramm) pro Tag und Person zu konsumieren.
- Mittelmeerdiät mit gemischten Nüssen (2454 Personen), 30 Gramm pro Tag.
- Kontrollgruppe (2450 Personen): Empfehlung, Fett zu reduzieren, plus kleine Sachgeschenke ohne Lebensmittelbezug.
Der primäre Endpunkt war ein zusammengesetztes Ereignis: Herzinfarkt, Schlaganfall oder Tod aus kardiovaskulärer Ursache. Nach median 4,8 Jahren wurde die Studie aufgrund einer vorab geplanten Zwischenanalyse abgebrochen. 288 Teilnehmende hatten bis dahin ein Ereignis erlitten.
| Gruppe | Ereignisse | Absolutes 5-Jahres-Risiko | Hazard Ratio (95 %-KI) |
|---|---|---|---|
| Mittelmeerdiät + Olivenöl | 96 (3,8 %) | 3,6 % (2,8–4,5) | 0,69 (0,53–0,91) |
| Mittelmeerdiät + Nüsse | 83 (3,4 %) | 4,0 % (3,1–5,0) | 0,72 (0,54–0,95) |
| Kontrolle (fettreduziert) | 109 (4,4 %) | 5,7 % (4,6–6,9) | 1,00 (Referenz) |
Relativ gelesen: rund 31 Prozent weniger Ereignisse in der Olivenöl-Gruppe. Absolut gelesen: 3,6 statt 5,7 Prozent über fünf Jahre, also etwa zwei Prozentpunkte. Beide Zahlen beschreiben dasselbe Resultat; die zweite ist die ehrlichere, wenn man wissen will, was sie für eine einzelne Person bedeutet.
Welcher Teil des Effekts eigentlich getragen hat
Der zusammengesetzte Endpunkt verdeckt, woher der Unterschied kam. Die Studie hat die Bestandteile separat ausgewertet – und dort wird das Bild deutlich schmaler:
| Endpunkt | Ereignisse Öl vs. Kontrolle | Hazard Ratio (95 %-KI) | Statistisch signifikant? |
|---|---|---|---|
| Schlaganfall | 49 vs. 58 | 0,65 (0,44–0,95) | ja |
| Herzinfarkt | 37 vs. 38 | 0,82 (0,52–1,30) | nein |
| Kardiovaskulärer Tod | 26 vs. 30 | 0,62 (0,36–1,06) | nein |
| Tod aus jeder Ursache | 118 vs. 114 | 0,90 (0,69–1,18) | nein |
Das ist der wichtigste und am seltensten zitierte Befund der ganzen Studie: Getragen wurde der Effekt vom Schlaganfall. Beim Herzinfarkt lag die Vertrauensgrenze klar über 1, bei der Gesamtsterblichkeit gab es praktisch keinen Unterschied. Die Autoren halten selbst fest, dass die Ereignisraten tiefer ausfielen als erwartet und die statistische Aussagekraft für die einzelnen Bestandteile entsprechend reduziert war; sie sprechen von «günstigen Trends» bei Schlaganfall und Herzinfarkt, nicht von zwei bewiesenen Effekten.
Wer also «Olivenöl senkt das Herzinfarktrisiko» liest, liest etwas, das diese Studie nicht gezeigt hat. Sie hat gezeigt: eine Mittelmeerdiät mit reichlich Olivenöl senkte in dieser Population die Zahl schwerer Gefässereignisse, vor allem Schlaganfälle.
Die Rücknahme von 2018 – und warum sie wichtig ist
PREDIMED erschien 2013 im «New England Journal of Medicine». Danach fielen den Autoren selbst Protokollabweichungen auf: An einem von elf Zentren wurden Teilnehmende einer Gruppe zugewiesen, ohne randomisiert zu werden; an einem weiteren wurden Randomisierungstabellen offenbar inkonsistent benutzt; und es wurden Haushaltsmitglieder bereits eingeschlossener Personen aufgenommen, ohne sie zu randomisieren. Die Arbeit wurde 2018 zurückgezogen und mit neu gerechneten Schätzungen erneut publiziert – Analysen, die nicht mehr darauf bauen, dass alle Teilnehmenden zufällig zugeteilt wurden.
Die Kernaussage hielt: Die Hazard Ratio für den primären Endpunkt bewegte sich von 0,70 auf 0,69. Auch nachdem 1588 Teilnehmende weggelassen wurden, deren Zuteilung bekannt oder vermutet vom Protokoll abwich, blieben die Ergebnisse ähnlich. Trotzdem ist PREDIMED damit formal keine saubere randomisierte Studie mehr, sondern eine Studie mit teilweise nicht randomisierten Teilen und einer nachträglichen statistischen Korrektur. Wer die Belege zu Olivenöl und Herz hoch bewertet, muss diesen Punkt mitnennen.
PREDIMED-Plus: die Fortsetzung, deren Hauptergebnis fehlt
PREDIMED-Plus ist die Nachfolgestudie und auf dem Papier die stärkere: 6874 Teilnehmende – Männer von 55 bis 75, Frauen von 60 bis 75 Jahren, alle mit einem Body-Mass-Index zwischen 27 und 40 und metabolischem Syndrom –, 23 spanische Zentren, sechs Jahre Intervention. Der primäre Endpunkt ist wieder ein kombinierter kardiovaskulärer: Herzinfarkt (akutes Koronarsyndrom mit positivem Troponin), Schlaganfall oder kardiovaskulärer Tod. Verglichen wird eine energiereduzierte Mittelmeerdiät mit Bewegungsförderung und Verhaltensbegleitung gegen eine Mittelmeerdiät ohne Kalorienvorgabe.
Publiziert sind bisher Zwischenergebnisse zu Risikofaktoren, nicht zu Ereignissen. In einer Teilstichprobe von 626 Personen verlor die Interventionsgruppe nach zwölf Monaten im Mittel 3,2 Kilo gegenüber 0,7 Kilo in der Kontrollgruppe; mindestens fünf Prozent Gewichtsverlust erreichten 33,7 gegenüber 11,9 Prozent. Bauchumfang, Nüchternglukose, Triglyzeride und HDL-Cholesterin verbesserten sich signifikant stärker.
Zum primären kardiovaskulären Endpunkt liegen nach unserer Recherche in der indexierten Literatur bis heute (Stand Oktober 2026) keine Resultate vor. Das ist kein Nebensatz: Die zweite grosse randomisierte Prüfung der Frage ist noch offen. Alles, was heute über Olivenöl und Herz gesagt wird, stützt sich weiterhin auf PREDIMED und auf Beobachtungsdaten.
Die Beobachtungsstudien: konsistent, aber nur beobachtend
Metaanalysen prospektiver Kohorten zeichnen ein auffällig einheitliches Bild. Eine Auswertung in «Clinical Nutrition» (2022) fasste 36 Arbeiten zusammen; für Herz-Kreislauf-Erkrankungen gingen 806 203 Personen mit 49 223 Ereignissen ein. Pro zusätzlichen 25 Gramm Olivenöl am Tag lag das relative Risiko bei 0,84 (95 %-KI 0,76–0,94), also 16 Prozent tiefer. Eine Metaanalyse in «Frontiers in Nutrition» (2022) mit 13 Kohorten fand für hohen gegenüber niedrigem Konsum ein relatives Risiko von 0,85 (0,77–0,93) und pro 5 Gramm mehr am Tag 0,96 (0,93–0,99) – mit einem nichtlinearen Verlauf: Oberhalb von etwa 20 Gramm pro Tag kam kaum noch etwas dazu.
Diese Zahlen sind beruhigend konsistent, und sie bleiben Beobachtung. Menschen, die Olivenöl verwenden, rauchen seltener, essen mehr Gemüse und bewegen sich mehr; die Modelle rechnen das heraus, aber nie restlos. Die Autoren der «Clinical Nutrition»-Analyse weisen selbst darauf hin, dass nur die Ergebnisse zu Typ-2-Diabetes homogen waren und sich die Heterogenität bei den übrigen Endpunkten nicht immer erklären liess.
Der Mechanismus, so weit er gemessen ist
Zwischen «Ereignisse sind seltener» und «so wirkt es» liegt eine Lücke, die mit Zwischengrössen gefüllt wird. Eine Metaanalyse von 26 kontrollierten Studien verglich polyphenolreiches mit polyphenolarmem Olivenöl. Polyphenolreiches Öl verbesserte Marker der Fettoxidation – oxidiertes LDL (standardisierte Mittelwertdifferenz −0,44; 95 %-KI −0,78 bis −0,10) und Malondialdehyd (−0,07 µmol/l; −0,12 bis −0,02) – und hob das HDL-Cholesterin leicht (+2,37 mg/dl; 0,41 bis 5,04). Die Autoren halten fest, dass längere Studien und Untersuchungen in nicht mediterranen Bevölkerungen fehlen.
Das sind Laborwerte, keine Herzinfarkte. Ein besserer Oxidationsmarker ist ein Hinweis auf einen plausiblen Weg, kein Nachweis eines verhinderten Ereignisses.
Was offiziell gesagt werden darf – und was nicht
In der EU – und über das Lebensmittelrecht praktisch auch in der Schweiz – sind gesundheitsbezogene Angaben einzeln zugelassen. Für Olivenöl selbst gibt es nach der Verordnung (EU) Nr. 432/2012 genau eine: Olivenöl-Polyphenole tragen zum Schutz der Blutfette vor oxidativem Stress bei. Sie darf nur verwendet werden für Öl mit mindestens 5 Milligramm Hydroxytyrosol und seinen Derivaten – darunter Oleuropein-Komplex und Tyrosol – pro 20 Gramm Öl, und der Hinweis muss die tägliche Aufnahme von 20 Gramm Olivenöl nennen.
Lesen Sie den Satz genau: Er handelt vom Schutz der Blutfette vor Oxidation. Er sagt nicht, dass Olivenöl Herzinfarkte oder Schlaganfälle verhindert. Eine zugelassene Angabe dieser Art existiert nicht. Dazu kommt ein praktisches Problem: Die Verordnung schreibt kein Messverfahren für die 5 Milligramm vor, und welche der über 30 bekannten Olivenöl-Phenole mitgezählt werden dürfen, ist unter Fachleuten strittig – weshalb die Branche die Angabe nur zurückhaltend nutzt.
Was daraus für den Schweizer Haushalt folgt
Nüchtern zusammengefasst:
- Die Studienlage betrifft ein Ernährungsmuster, nicht ein Produkt. In PREDIMED war Olivenöl der auffälligste Unterschied zwischen den Gruppen, aber nicht der einzige: Auch Fisch und Hülsenfrüchte wurden unterschiedlich gegessen, und auf dem 14-Punkte-Fragebogen zur Mittelmeerdiät unterschieden sich die Gruppen in 12 von 14 Punkten.
- Die Menge war hoch. Das Ziel von mindestens 50 Gramm pro Tag und Person ist das Zweieinhalbfache der rund 20 Gramm, oberhalb derer die Beobachtungsdaten kaum noch Zusatznutzen zeigen – und ein Mehrfaches dessen, was in der Schweiz üblich ist.
- Die Teilnehmenden hatten ein hohes Risiko. Die Autoren schreiben ausdrücklich, ob sich die Ergebnisse auf Personen mit niedrigerem Risiko übertragen lassen, müsse weiter untersucht werden.
- Die Kontrollgruppe war kein Strohmann im negativen Sinn, aber auch kein Nichts. Sie erhielt Empfehlungen für eine gesunde, fettreduzierte Ernährung. Verglichen wurde also gut gegen ordentlich, nicht gut gegen schlecht.
Dieser Artikel ist Journalismus, keine medizinische Beratung. Wer erhöhten Blutdruck, erhöhte Blutfette oder eine bestehende Herzerkrankung hat, klärt die Ernährung mit der Ärztin oder dem Arzt und setzt kein Medikament ab, weil im Küchenschrank ein gutes Öl steht.
Häufige Fragen
Senkt Olivenöl das Risiko für einen Herzinfarkt?
Das zeigt die Studienlage nicht. In PREDIMED lag die Hazard Ratio für Herzinfarkt in der Olivenöl-Gruppe bei 0,82, mit einem Vertrauensintervall von 0,52 bis 1,30 – statistisch nicht von Zufall zu unterscheiden. Signifikant war in dieser Studie nur der Schlaganfall.
Was genau hat PREDIMED bewiesen?
Dass in einer spanischen Hochrisiko-Population über knapp fünf Jahre eine Mittelmeerdiät mit zusätzlichem nativem Olivenöl extra mit weniger schweren Gefässereignissen einherging als eine fettreduzierte Vergleichsernährung: 3,6 statt 5,7 Prozent absolutes Risiko über fünf Jahre. Wegen der 2018 offengelegten Protokollabweichungen ist die Studie dabei nicht mehr als vollständig randomisiert zu lesen.
Wie viel Olivenöl wurde in PREDIMED gegessen?
Die Olivenöl-Gruppe erhielt 15 Liter natives Olivenöl extra alle drei Monate gratis, rund einen Liter pro Woche und Haushalt, mit dem Ziel von mindestens 4 Esslöffeln – etwa 50 Gramm – pro Tag und Person. Das ist deutlich mehr als die Mengen, bei denen Beobachtungsstudien ihren Effekt sehen.
Darf auf einer Flasche stehen, dass Olivenöl gut für das Herz ist?
Nein. Die einzige für Olivenöl zugelassene Angabe betrifft den Schutz der Blutfette vor oxidativem Stress durch Olivenöl-Polyphenole, und nur für Öle mit mindestens 5 Milligramm Hydroxytyrosol und Derivaten pro 20 Gramm. Eine Angabe zu Herzinfarkt oder Schlaganfall gibt es nicht.
Ist Olivenöl in dieser Frage besser als Rapsöl?
Dazu gibt es keinen randomisierten Vergleich mit Herz-Kreislauf-Ereignissen als Endpunkt. PREDIMED verglich eine Mittelmeerdiät mit Olivenöl gegen eine fettreduzierte Ernährung, nicht Olivenöl gegen ein anderes gutes Pflanzenöl.
Wann kommen die Ergebnisse von PREDIMED-Plus?
Ein Datum ist nicht öffentlich angekündigt. Die sechsjährige Intervention ist abgeschlossen; publiziert sind bisher Zwischenergebnisse zu Gewicht und Risikofaktoren, nicht zum primären kardiovaskulären Endpunkt.
Quellen
- Estruch R et al.: Primary Prevention of Cardiovascular Disease with a Mediterranean Diet Supplemented with Extra-Virgin Olive Oil or Nuts. N Engl J Med 2018;378:e34 (PREDIMED, erneut publizierte Fassung)
- Volltext der Studie beim «New England Journal of Medicine»
- Martínez-González MA et al.: Cohort Profile – Design and methods of the PREDIMED-Plus randomized trial. Int J Epidemiol 2019;48(2):387–388o
- Salas-Salvadó J et al.: One-Year Results of the PREDIMED-Plus Trial. Diabetes Care 2019;42(5):777–788
- Martínez-González MA et al.: Effect of olive oil consumption on cardiovascular disease, cancer, type 2 diabetes, and all-cause mortality. Clin Nutr 2022;41(12):2659–2682
- Xia M et al.: Olive oil consumption and risk of cardiovascular disease and all-cause mortality: a meta-analysis of prospective cohort studies. Front Nutr 2022;9:1041203
- George ES et al.: The effect of high-polyphenol extra virgin olive oil on cardiovascular risk factors. Crit Rev Food Sci Nutr 2019;59(17):2772–2795
- Verordnung (EU) Nr. 432/2012 zur Festlegung einer Liste zulässiger anderer gesundheitsbezogener Angaben über Lebensmittel
- Tsimidou MZ et al.: In House Validated UHPLC Protocol for the Determination of the Total Hydroxytyrosol and Tyrosol Content in Virgin Olive Oil Fit for the Purpose of the Health Claim Introduced by the EC Regulation 432/2012. Molecules 2019
Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche oder ernährungsmedizinische Beratung. Bei gesundheitlichen Fragen wenden Sie sich an eine Fachperson.


