Hinten im Vorratsschrank taucht eine Flasche auf, und das Datum auf dem Etikett ist schon vorbei. Wegwerfen? Beim Olivenöl geht es nach dem Datum fast nie um Sicherheit, sondern um etwas anderes: ob in der Flasche noch steckt, wofür Sie bezahlt haben.
Dieser Beitrag erklärt, was «mindestens haltbar bis» nach Schweizer Lebensmittelrecht bedeutet, was im Öl nach diesem Datum tatsächlich passiert, wie Sie eine abgelaufene Flasche in zwei Minuten beurteilen und wann sie wirklich in den Abfall gehört.
Was «mindestens haltbar bis» rechtlich heisst
In der Schweiz regelt die Verordnung des EDI betreffend die Information über Lebensmittel (LIV, SR 817.022.16) die Datumsangabe. Artikel 13 verlangt auf Lebensmitteln grundsätzlich ein Mindesthaltbarkeitsdatum. Nur bei mikrobiologisch sehr leicht verderblichen Produkten, die nach kurzer Zeit eine unmittelbare Gefahr für die Gesundheit darstellen können, tritt an seine Stelle das Verbrauchsdatum «zu verbrauchen bis». Olivenöl gehört klar in die erste Gruppe.
Die Definition steht in Anhang 1 der LIV: Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist das Datum, bis zu dem ein Lebensmittel bei richtiger Aufbewahrung seine spezifischen Eigenschaften behält. Zwei Wörter tragen diesen Satz. «Richtige Aufbewahrung» heisst: Das Versprechen gilt nur für ein Öl, das dunkel und nicht zu warm gelagert wurde. «Spezifische Eigenschaften» heisst: Es geht um Geschmack, Geruch und Qualität, nicht um Sicherheit. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) formuliert es auf seiner Seite zur Lebensmitteletikette genauso: Beim MHD gehe es um Qualitätsaspekte, nicht um die Sicherheit.
Anhang 8 der LIV legt auch die Form fest: «mindestens haltbar bis …», wenn der Tag genannt wird, sonst «mindestens haltbar bis Ende …». Bei einer Haltbarkeit von mehr als drei bis achtzehn Monaten genügen Monat und Jahr, bei mehr als achtzehn Monaten das Jahr allein. Wie lange die Frist dauert, schreibt die LIV nicht vor: Das Datum legt der Hersteller fest.
Für Olivenöl kommt eine zweite Angabe dazu, die mehr verrät als das MHD. Nach Artikel 11 der Delegierten Verordnung (EU) 2022/2104, deren Kategorien auf praktisch allen Flaschen in Schweizer Regalen stehen, darf ein natives Olivenöl extra das Erntejahr nennen, aber nur, wenn der Inhalt zu 100 Prozent aus dieser Ernte stammt. Das MHD setzt der Abfüller, und es sagt nichts darüber, wann die Oliven gepflückt wurden. Wo beides steht, ist das Erntejahr die ehrlichere Zahl.
Darf der Laden abgelaufenes Öl verkaufen?
Ja. Das BLV hält fest, dass Lebensmittel auch nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums abgegeben werden dürfen, sofern Qualität und Sicherheit gewährleistet sind und niemand getäuscht wird. Die Einzelheiten stehen im Informationsschreiben 2025/4 des BLV. Beim Verbrauchsdatum ist es umgekehrt: Danach darf ein Produkt nicht mehr an Konsumentinnen und Konsumenten abgegeben werden.
Wie weit «nach Ablauf» gehen darf, hat die ZHAW in Wädenswil im Auftrag des BLV für einzelne Produktgruppen ausgearbeitet. Ihr Leitfaden zur Reduktion von Lebensmittelverlusten bei der Abgabe (Beretta et al., 2021, 2. Auflage 2023) nennt für die Kategorie «Fette und Öle» eine Abgabegrenze von MHD plus 120 Tage, bei Lagerung bei Zimmertemperatur. Die Spanne über alle Kategorien reicht von 6 bis 360 Tagen. Die Plattform foodwaste.ch übersetzt das für den Haushalt: Öl lasse sich bei richtiger Lagerung mindestens 120 Tage über das MHD hinaus bedenkenlos geniessen.
Im Regal der grossen Ketten sehen Sie davon wenig. Laut «20 Minuten» bestätigten Aldi Suisse, Coop, Lidl Schweiz und Migros im Mai 2024, dass sie keine Produkte über dem MHD verkaufen; einzig Lidl hatte einen Pilotversuch. Migros begründete das mit dem logistischen Aufwand. Die Frage stellt sich deshalb vor allem zu Hause.
Was im Öl nach dem Datum passiert
Olivenöl verdirbt nicht wie Joghurt, deshalb trägt es kein Verbrauchsdatum. Was nach dem Datum weiterläuft, ist Oxidation: Sauerstoff, Licht und Wärme greifen die Fettsäuren an, und die Schutzstoffe des Öls werden dabei verbraucht. Warum Licht und Wärme dabei die Hauptrolle spielen, steht in Olivenöl richtig lagern.
Wie schnell das geht, zeigt eine spanische Untersuchung (Castillo-Luna et al., «Food Chemistry» 2021). Die Forschenden lagerten 160 native Olivenöle extra zwölf Monate lang im Dunkeln bei 20 °C, also unter Bedingungen, die besser sind als in vielen Küchen. Der Gehalt an Polyphenolen sank im Mittel um 42 Prozent, allerdings mit grosser Streuung von Öl zu Öl (± 24 Prozentpunkte). Am stärksten verloren Öle, die reich an Oleacein und Oleocanthal waren – den Stoffen, die im Hals kratzen. Hydroxytyrosol dagegen nahm zu, weil grössere Moleküle zerfallen; die Autoren sehen darin einen Marker für gealtertes Öl.
Eine Langzeitstudie (Mousavi et al., «Foods» 2021) lagerte drei native Olivenöle extra bis zu 36 Monate bei Umgebungstemperatur, im Kühlschrank bei 4 °C und im Tiefkühler bei −18 °C. Gekühlt blieben alle drei Öle bei den meisten Parametern bis zu drei Jahre innerhalb der EU-Grenzwerte. Oleocanthal, Squalen und die Gesamtphenole reagierten am stärksten auf die Temperatur; das Aroma hielt sich bei −18 °C am besten.
Übersetzt heisst das: Ein Olivenöl, das das MHD überschritten hat, ist nicht plötzlich schlecht. Es ist aber mit hoher Wahrscheinlichkeit ärmer an genau den Stoffen, die ein natives Olivenöl extra vom billigen Speiseöl unterscheiden. Was Polyphenole im Körper leisten und welche Mengen dafür nötig sind, steht in Polyphenole und Antioxidantien im Olivenöl.
Der Test: in zwei Minuten entscheiden
Das Datum ist ein Richtwert, der Befund liegt in der Flasche. So prüfen Sie ein abgelaufenes Öl:
- Ansehen. Flocken oder ein fest gewordenes Öl nach kühler Lagerung sind kein Fehler, das führt auch foodwaste.ch so auf. Ungefiltertes Öl ist von Anfang an naturtrüb. Wird dagegen ein ursprünglich klares Öl bei Zimmertemperatur trüb, ist Vorsicht angebracht: foodwaste.ch zählt Trübung, ranzigen und stechenden Geruch zu den Zeichen für verdorbenes Öl.
- Einen Esslöffel in ein kleines Glas geben, mit der Hand abdecken und kurz anwärmen, dann riechen. Ein Löffel allein reicht nicht, weil sich die Aromen nirgends sammeln können.
- Auf ranzig achten. Alte Baumnüsse, Wachsmalstifte, Leim, feuchter Karton: Das ist der Oxidationsfehler, und er kommt nicht wieder weg.
- Einen kleinen Schluck probieren. Ein gutes Öl schmeckt nach etwas – grün, fruchtig, oft bitter und scharf. Ein altes schmeckt flach und fettig, ohne jedes Kratzen im Hals.
Wichtig: Bitterkeit und Schärfe sind bei Olivenöl keine Fehler, sondern das Zeichen, dass noch Polyphenole da sind. Wie die einzelnen Fehlernoten riechen und was sie über die Herstellung verraten, zeigt der ausführliche Leitfaden Olivenöl ranzig erkennen.
Wann die Flasche wirklich weg muss
Drei Fälle, drei Antworten:
- Abgelaufen, riecht aber noch fruchtig und sauber. Verwenden, und zwar zuerst. Für den Salat ist es vielleicht nicht mehr erste Wahl, zum Anbraten und Kochen taugt es ohne Weiteres.
- Riecht ranzig. Aussortieren. Ein ranziges Öl ist nach der Praxis der Kantonslabore ein Qualitätsproblem, kein akutes Sicherheitsproblem. Es verdirbt aber jedes Gericht, in das es kommt, und «zum Kochen reicht es noch» ist hier ein Trugschluss: Der Fehlgeschmack geht mit in die Pfanne. Wir geben hier keine medizinische Einschätzung ab.
- Selbst angesetztes Öl mit Knoblauch, Chili oder frischen Kräutern. Hier gilt kein MHD, sondern Vorsicht. Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) rät davon ab, solche Öle im Haushalt auf Vorrat herzustellen und zu lagern, weil sich unter Luftabschluss Clostridium botulinum vermehren und Gift bilden kann – besonders, wenn das Öl roh über Salat kommt. Ein altes, selbst gemachtes Knoblauchöl gehört in den Abfall, egal wie es riecht.
Damit es gar nicht so weit kommt
Das beste Mittel gegen abgelaufenes Olivenöl ist die richtige Flaschengrösse. Ein Haushalt, der eine Literflasche erst in einem Jahr leert, zahlt zwar weniger pro Liter, verbraucht aber am Ende altes Öl oder wirft den Rest weg. Wie Sie Gebinde und Verbrauch zusammenrechnen, steht in 500 ml, 1 Liter oder Kanister. Beim Einkauf lohnt sich ein Blick auf das Erntejahr statt nur auf das MHD, und was die gängigen Öle bei Migros, Coop, Denner, Aldi, Lidl und Manor gerade kosten, zeigt die Übersicht Olivenöl-Preise in der Schweiz.
Häufige Fragen
Kann man abgelaufenes Olivenöl noch verwenden?
In aller Regel ja, wenn es ungeöffnet und dunkel gelagert war und nicht ranzig riecht. Das MHD ist nach der Schweizer LIV ein Qualitätsdatum, kein Verfallsdatum. Für Fette und Öle nennt der ZHAW-Leitfaden im Auftrag des BLV eine Abgabegrenze von 120 Tagen nach dem MHD. Entscheidend ist aber der Geruchstest, nicht der Kalender.
Wie lange ist Olivenöl nach dem Mindesthaltbarkeitsdatum haltbar?
Eine feste Frist gibt es nicht. Die 120 Tage aus dem ZHAW-Leitfaden gelten für die Abgabe durch Betriebe und für korrekt gelagerte Ware; zu Hause kann ein kühl und dunkel gelagertes Öl länger geniessbar bleiben, ein Öl neben dem Herd deutlich kürzer. Der Polyphenolgehalt nimmt in jedem Fall laufend ab.
Ist abgelaufenes Olivenöl gesundheitsschädlich?
Ein abgelaufenes, aber sauber riechendes Öl ist kein Risiko im Sinne des Lebensmittelrechts – dafür gibt es das Verbrauchsdatum, das Olivenöl nicht trägt. Ein ranziges Öl ist in erster Linie ein Qualitätsmangel. Anders liegt der Fall bei selbst angesetzten Knoblauch- oder Kräuterölen, von deren Lagerung das BfR wegen Botulismus abrät. Für medizinische Fragen ist die Ärztin oder der Apotheker zuständig.
Verlängert der Kühlschrank die Haltbarkeit?
Ja. In der Langzeitstudie von Mousavi et al. blieben bei 4 °C und bei −18 °C gelagerte Öle bei den meisten Parametern bis zu drei Jahre innerhalb der EU-Grenzwerte. Das Öl wird im Kühlschrank trüb und flockig, was bei Zimmertemperatur wieder verschwindet. Praktisch ist das vor allem für eine ungeöffnete Reserveflasche.
Was ist aussagekräftiger: MHD oder Erntejahr?
Das Erntejahr. Das MHD legt der Abfüller fest und verrät nicht, wie alt die Oliven waren. Das Erntejahr darf nach der Verordnung (EU) 2022/2104 nur auf dem Etikett stehen, wenn der ganze Inhalt aus dieser einen Ernte stammt.
Quellen
- Verordnung des EDI betreffend die Information über Lebensmittel (LIV), SR 817.022.16: Art. 13, Anhang 1 Ziff. 5 und 6, Anhang 8
- BLV: Informationen auf der Lebensmitteletikette (Mindesthaltbarkeitsdatum und Verbrauchsdatum)
- BLV: Informationsschreiben, darunter 2025/4 zur Abgabe von Lebensmitteln nach Ablauf des MHD
- Beretta et al., ZHAW im Auftrag des BLV: Leitfaden zur Reduktion von Lebensmittelverlusten bei der Abgabe von Lebensmitteln (2021, 2. Auflage 2023, PDF)
- foodwaste.ch: Haltbarkeit von Öl nach dem MHD
- 20 Minuten: Detailhändler zögern bei abgelaufenen Lebensmitteln mit MHD+ (Mai 2024)
- Castillo-Luna, A. et al.: The decrease in the health benefits of extra virgin olive oil during storage is conditioned by the initial phenolic profile, Food Chemistry 336 (2021)
- Mousavi, S. et al.: Evolution of Extra Virgin Olive Oil Quality under Different Storage Conditions, Foods 10 (2021)
- Delegierte Verordnung (EU) 2022/2104 über die Vermarktungsnormen für Olivenöl, Art. 11 (Erntejahr)
- BfR: Selbst hergestellte Kräuteröle und in Öl eingelegtes Gemüse bergen gesundheitliche Risiken (Mitteilung 001/2016, PDF)


