Ende Oktober beginnt in Italien, Spanien und Griechenland die Zeit, auf die Olivenöl-Liebhaber das ganze Jahr warten: Die Mühlen laufen, und das erste Öl der Saison fliesst trüb und leuchtend grün aus der Zentrifuge. In Italien heisst es «olio nuovo» oder «olio novello», in Katalonien «oli nou», in Frankreich «huile nouvelle». In der Schweiz ist es ein Nischenprodukt: Im Supermarktregal steht es kaum, bei Spezialhändlern ist es oft schon vor der Ernte ausverkauft.
Dieser Beitrag ist ein Einkaufsratgeber. Er klärt, wann das neue Öl in der Schweiz ankommt, wie es sich von einem gewöhnlichen Öl unterscheidet, wie Sie ein echtes Erntedatum von einem Marketingversprechen trennen und wann der Aufpreis sein Geld wert ist. Die Hintergründe zur Frühernte und zur Filtration haben wir in eigenen Beiträgen ausführlich behandelt; hier geht es um die Kaufentscheidung.
Wann das neue Öl in der Schweiz ankommt
Die Olivenernte auf der Nordhalbkugel läuft grob von Mitte Oktober bis in den Winter. Der italienische Produzent Agricola Conforti nennt Ende Oktober als Beginn und Mitte November bis Dezember als Hauptsaison des «olio novello». Wer früh erntet, bekommt ein grüneres, bittereres Öl, aber weniger davon.
Zwischen Mühle und Schweizer Küche liegen Abfüllung, Transport und Verzollung. Zwei Beispiele aus dem Schweizer Handel zeigen den Rhythmus für die Ernte 2026:
- Gustini bietet das sizilianische «Frescolio» von Frantoi Cutrera an, gepresst aus Biancolilla- und Moresca-Oliven, die laut Händler bereits im September geerntet werden. Lieferbar ist es ab etwa Mitte Oktober 2026, unfiltriert, mit der Empfehlung, es bis Januar zu verbrauchen.
- Olinos, ein Familienbetrieb mit eigenem Olivenhain in Cambrils bei Tarragona, verkauft sein «Oli nou» aus Arbequina nur einmal im Jahr zu Beginn der Ernte. Es wird über eine Warteliste bestellt und ab Mitte November 2026 geliefert.
Sizilien ist ein Sonderfall, weil dort besonders früh geerntet wird. Für die meisten Herkünfte gilt: Die erste echte Welle erreicht die Schweiz im November, die grössere im Dezember. Auch im Tessin wird im Oktober und November geerntet, allerdings in so kleinen Mengen, dass Tessiner Öl selten über die Region hinauskommt.
Praktisch heisst das: Wer ein bestimmtes Öl will, reserviert im Oktober. Viele kleine Produzenten füllen nur eine begrenzte Menge als neues Öl ab und verkaufen den Rest später filtriert.
Was neues Öl anders macht
Das «Novello» ist kein eigenes Produkt, sondern ein Zustand: natives Olivenöl extra, das gerade erst gepresst wurde und meist nicht filtriert ist. Daraus ergeben sich vier Unterschiede, die Sie kennen sollten, bevor Sie zahlen.
Trübung und Satz
Unfiltriertes Öl enthält winzige Tropfen Fruchtwasser und Partikel aus Fruchtfleisch und Kern. Das macht es schleierig, und mit der Zeit setzt sich am Flaschenboden ein Satz ab, im Italienischen «morchia». Das ist normal und kein Mangel. In einer Studie von Ciafardini und Zullo (Foods, 2022) setzten sich bei einem frisch gepressten Coratina-Öl in den ersten drei Monaten mehr als 90 Prozent der Schwebstoffe ab.
Bitterkeit und Schärfe
Neues Öl ist oft deutlich bitter und kratzt im Hals. Beides gilt in der Sensorik als positives Merkmal und geht auf Polyphenole zurück. Die Schärfe ist aber nicht von Dauer: In derselben Studie sank die wahrgenommene Bitterkeit des Coratina-Öls während der drei Monate Dekantierung um 33 Prozent, ohne dass das Öl seine Güteklasse verlor. Wer das kräftige Profil will, muss das Öl also früh öffnen.
Haltbarkeit
Die Schwebstoffe tragen Aroma, aber auch Wasser, Enzyme und Hefen. Das macht unfiltriertes Öl empfindlich. Das italienische Fachportal OlivoNews rät, es innerhalb von drei bis vier Monaten nach der Herstellung zu verbrauchen; Olinos nennt für sein «Oli nou» dieselbe Spanne. Ein Öl aus dem November gehört also bis Februar oder März auf den Tisch, nicht in den Vorratsschrank. Die Forschung dazu haben wir im Beitrag über Picual aus der Frühernte zusammengefasst.
Menge
Früh geerntete Oliven geben weniger Öl pro Kilogramm Frucht. Das ist der sachliche Kern des höheren Preises: mehr Oliven und mehr Handarbeit für jeden Liter.
So erkennen Sie ein echtes Erntedatum
Hier liegt die wichtigste Falle. «Novello», «Olio nuovo», «neue Ernte» oder «erste Pressung» sind keine geschützten Kategorien. Agricola Conforti hält ausdrücklich fest, dass das «olio novello» keine gesetzlich anerkannte Warenkategorie ist. Jeder darf das Wort auf eine Flasche schreiben.
Geregelt ist dagegen die Angabe des Erntejahrs. Nach Artikel 12 Absatz 4 der Schweizer Verordnung über Lebensmittel pflanzlicher Herkunft (VLpH) darf ein Erntejahr nur angegeben werden, wenn 100 Prozent des Inhalts aus diesem Erntejahr stammen. Die EU, aus der fast alle Öle in Schweizer Regalen kommen, regelt es in Artikel 11 der Delegierten Verordnung (EU) 2022/2104 gleich und präzisiert die Form: entweder als Wirtschaftsjahr, etwa «2026/2027», oder als Monat und Jahr, etwa «November 2026». Der Monat muss dem Monat entsprechen, in dem das Öl aus den Oliven gewonnen wurde. Nur native Öle dürfen ein Erntejahr tragen.
Daraus ergibt sich eine einfache Prüfliste für das Regal:
- Monat und Jahr der Gewinnung sind die stärkste Angabe. «Oktober 2026» oder «November 2026» auf einer Flasche, die Sie im Dezember kaufen, ist wirklich neues Öl.
- Ein Wirtschaftsjahr wie «2026/2027» ist korrekt, aber weniger genau: Es sagt nicht, ob das Öl im November oder im Februar gepresst wurde.
- Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist kein Erntedatum. Es wird bei der Abfüllung gesetzt, und seine Länge legt der Hersteller selbst fest. Ein Öl kann lange nach der Ernte abgefüllt worden sein und trotzdem ein fernes Datum tragen.
- «Novello» ohne Erntejahr ist ein Werbewort. Fragen Sie im Laden nach dem Pressdatum oder lassen Sie die Flasche stehen.
- Ein trübes Öl im Sommer sollte misstrauisch machen. Wer im Juni ein unfiltriertes «neues» Öl verkauft, verkauft ein Öl, das nach den Empfehlungen der Fachleute sein bestes Fenster hinter sich hat.
Im Supermarkt fehlt diese Information meist ganz. Die Westschweizer Konsumentenorganisation FRC stellte bei ihrem Vergleich 2025 fest, dass kaum eines der zehn geprüften Öle ein Erntedatum nannte. Wer frisches Öl mit belegtem Jahrgang will, landet deshalb fast zwangsläufig beim Spezialhandel oder direkt beim Produzenten.
Lohnt sich der Aufpreis?
Die ehrliche Antwort hängt davon ab, was Sie mit dem Öl machen.
Ja, wenn Sie es roh und schnell verbrauchen. Neues Öl ist ein Öl zum Beträufeln: auf geröstetes Brot, über eine Kürbissuppe, Bohnen, gedämpfte Kartoffeln oder einen Salat. Agricola Conforti empfiehlt es ausschliesslich roh. Wer eine kleine Flasche kauft und sie in wenigen Wochen leert, bekommt genau das, wofür er zahlt: das intensivste Aroma des Jahres.
Nein, wenn es in die Pfanne geht oder lange stehen soll. Beim Erhitzen gehen die frischen Aromen verloren, und ein unfiltriertes Öl, das bis zum Sommer im Schrank steht, ist dann schlechter als ein filtriertes Öl derselben Ernte. Für den Alltag reicht ein gut bewertetes Supermarktöl. Die Schweizer Tests zeigen, dass solide Qualität nicht teuer sein muss: Bei Kassensturz und K-Tipp 2025 gehörte das griechische Iliada von Coop zu den beiden Ölen mit der Note «sehr gut».

Iliada Kalamata PDO extra vergine, 1 l
Griechenland, Kalamata
CHF 18.501 L · CHF 18.50 pro Liter
Kassensturz / K-Tipp 2025: sehr gut Preis prüfenUnser Rat für die Saison: eine Flasche neues Öl von 250 bis 500 Millilitern für den Tisch, dazu ein filtriertes Öl für die Küche. Grosse Kanister lohnen sich beim unfiltrierten Öl nur, wenn Sie es absetzen lassen, das klare Öl in dunkle Flaschen umfüllen und den trüben Rest zügig aufbrauchen. Wie Sie beides richtig aufbewahren, steht im Beitrag Olivenöl richtig lagern. Was ein Liter im Schweizer Regal aktuell kostet, zeigt unsere Übersicht der Olivenölpreise in der Schweiz, und wie die Supermarktöle abgeschnitten haben, der Olivenöl-Test Schweiz 2026. Und ob es sich lohnt, jetzt auf Vorrat zu kaufen oder auf die Preise von 2027 zu warten, rechnen wir im Beitrag Olivenöl auf Vorrat kaufen durch.
Häufige Fragen
Wann gibt es neues Olivenöl in der Schweiz?
Einzelne sizilianische Öle sind ab Mitte Oktober lieferbar. Die meisten neuen Öle aus Italien, Spanien und Griechenland kommen ab November in den Schweizer Spezialhandel, die grössere Auswahl im Dezember. Viele Produzenten verkaufen sie nur auf Vorbestellung.
Ist «Novello» auf der Flasche eine Garantie für frisches Öl?
Nein. «Novello» und «Olio nuovo» sind keine geschützten Begriffe. Verlässlich ist nur die Angabe des Erntejahrs, die nach VLpH und EU-Recht nur zulässig ist, wenn der ganze Inhalt aus dieser Ernte stammt, idealerweise mit Monat und Jahr der Gewinnung.
Ist der Satz am Boden der Flasche schlecht?
Nein, bei unfiltriertem Öl ist er normal. Er besteht aus Fruchtwasser und Fruchtpartikeln. Weil er mit der Zeit Fehlnoten fördern kann, sollte ein unfiltriertes Öl innerhalb von drei bis vier Monaten verbraucht werden.
Warum ist neues Olivenöl so bitter und scharf?
Bitterkeit und Schärfe stammen von Polyphenolen, die im frischen Öl am höchsten sind. Sie gelten nicht als Fehler. Mit der Zeit werden sie milder: In einer Studie sank die Bitterkeit eines Coratina-Öls in drei Monaten um 33 Prozent.
Kann ich mit neuem Olivenöl kochen?
Sie können, aber es ist schade darum. Die frischen Aromen gehen beim Erhitzen verloren. Für Pfanne und Ofen ist ein filtriertes Öl günstiger und länger haltbar.
Quellen
- Gustini: Frescolio – neue Ernte 2026 (abgerufen 30.09.2026)
- Olinos: Oli nou – erstes, frisch gepresstes Olivenöl, naturtrüb (abgerufen 09.2026)
- Agricola Conforti: Olio novello – cos'è, quando esce e come usarlo
- Ciafardini G, Zullo BA: Microbiological and Enzymatic Activity Modulates the Bitter Taste Reduction in Decanted Coratina Olive Oil. Foods 2022;11(6):867
- OlivoNews: L'olio d'oliva va sempre filtrato! La morchia, come riconoscerla (10.12.2024)
- Fedlex: Verordnung des EDI über Lebensmittel pflanzlicher Herkunft, Pilze und Speisesalz (VLpH), SR 817.022.17 – Art. 12
- EUR-Lex: Delegierte Verordnung (EU) 2022/2104 über Vermarktungsnormen für Olivenöl, konsolidierte Fassung – Art. 11
- FRC: Le comparatif des huiles d'olive (01.07.2025)
- SRF Kassensturz: Olivenöl im Test – «Extra vergine» oder nicht (02.09.2025)
- Olivenoelblog: Mindesthaltbarkeit von extra nativen Olivenölen



